11. September 2001 in Kuala Lumpur

Wie ich den 11. September erlebte.

Ein Fernreise ist etwas wunderbares Und wenn man seine Liebste wiedersieht, ist es noch tausendmal schöner.

Der jährliche Urlaub war aufgespart worden, um einen ganzen Monat in Malaysia zu verbringen. Zum größten Teil in der Hauptstadt Kuala Lumpur.

Ein Schatten sollte sich jedoch auf diesen Besuch legen. Kein selbst verschuldeter Schatten, sondern eine Tragödie internationalen Ausmaßes, welche vielleicht als ein Höhepunkt der Auseinandersetzungen fundamentaler Auffassungen des Lebens und des Lebensstills darstellt. Das Ende dieser Auseinandersetzung ist noch lange nicht absehbar und wird meiner Ansicht nicht auf einem diplomatischen Weg hinauslaufen.

Es war kurz vor neun Uhr am Morgen, als das erste Flugzeug in einen der beiden Türme des World Trade Centers krachte. Der Zeitunterschied zu Kuala Lumpur beträgt vierzehn Stunden also schon finsterste Nacht. 23 Uhr. Schlafenszeit. Der nächste Tag sollte im Zentrum von Kuala Lumpur verbracht werden. Auf das Frühstücksfernsehen kann man gerne im Ausland verzichten. Die Neugierde auf das pulsierende Leben in einer asiatischen Millionenstadt überlagete den Drang, Nachrichten aus aller Welt zu hören und zu sehen.

Irgendwie verlief die tägliche Rushhour in Bus und Bahn an diesem 12. September weitaus ruhiger als die Tage vorher. In den USA war immer noch nicht das Kalenderblatt des 11. September abgerissen und hier in Malaysia war bereits der 12. Meine inneren Antennen waren damals noch nicht so fein justiert, wie sie es vielleicht heute sind. Ich nahm diese relative Ruhe nicht wahr. Die Vorfreude auf neue Entdeckungen, an das Beobachten des alltäglichen Lebens in Kuala Lumpur blockierte den analytischen Verstand.

Mittlerweile ging die Schreckensmeldung der Terroranschläge um die ganze Welt. Es war offensichtlich, dass es sich hierbei nicht um einen Flugzeugabsturz handelte, sondern um das bewusste Vernichten von menschlichen Leben. Der Hass und der Terror hatte die USA erreicht. Nicht mehr nur ihre Botschaften oder militärischen Einheiten, nicht mehr nur die amerikanischen Touristen waren das Ziel islamistischer Terroristen, sondern es ging nun an die Substanz auf us-amerikanischen Staatsgebiet.

Die Innenstadt Kuala Lumpurs, die ansonsten um die Mittagszeit von Menschenmassen aus allen Nähten platzt, war heute erstaunlich ausgedünnt. Noch immer wußte weder meine damalige Freundin noch ich, warum dem so war. Die Einkaufszentren und Geschäfte waren nicht menschenleer, aber die Besucher waren zahlenmäßig gegenüber den Verkäufern und Ladenbesitzern in der Unterzahl.

Für mich war es zu der damaligen Zeit eher als positiv bewertet worden. Weder überfüllte Einkaufszentren, noch Menschenmassen sind wünschenswerte Zustände. Erst als wir beide nach dem Mittagessen wieder auf die Straße traten, nahm ich an einem Elektronikfachgeschäft einige Malaien und Chinesen wahr, die in das überdimensionale Schaufenster starrten. Ruhe. Kein Wort. Unglaube auf den eingefrorenen Gesichtern. Die Fernseher im Schaufenster interessierten mich nicht. Eine kleine Gruppe jugendlicher Chinesen stand unentschlossen am Ende des Schaufensters. Einige wollten gehen, nicht überhastet, eher wie in Zeitlupe sich bewegend, andere gingen näher an das Schaufenster, um sich gleich wieder von ihm zu entfernen. Kein aufgeregtes Gegacker, wie man es von jungen Mädchen kennt, keine sich in Pose werfenden Jungs. Eine irgendwie unwirkliche Situation der Verwirrtheit, der Unschlüssigkeit, des Nicht-wahrhaben-wollens.

Der Straßenverkehr hielt sich auch in Grenzen, deswegen leisteten wir uns beide ein Taxi zu ihrem Apartment. Auf der Fahrt unterhielt sich der Taxifahrer mit meiner Freundin auf malaiisch. Ich verstand natürlich kein Wort. Die sofortige Übersetzung ins Englische lies mich jedoch nur ungläubig nachfragen, ob sie den Taxifahrer richtig verstanden habe. „Ja“, sagte sie,“ in den USA sind Verkehrsflugzeuge durch islamische Terroristen zum Absturz gebracht worden. In New York sind zwei Passagiermaschinen in die World Trade Center gesteuert worden.“ Man mag sich im nachhinein über den amerikanischen Präsidenten Georg W. Bush lustig machen, wie er in dem Video vor der Schulklasse sitzt und keinerlei Reaktion zeigt. Eher ein ungläubiges Insich-gekehrtsein, eine innere Ablehnung der Realität. Man mag von Bush halten was man will, aber in diesem Moment der Schreckensnachricht habe ich mich ähnlich verhalten. Meine Sorgen und Änsgte waren sicherlich anders gelagert als seine. Er hatte die Bürde einer Präsidentschaft, ich mußte mich nur in diesem Moment nur um meine Freundin und mich sorgen machen. Sie eine Muslima, wenn auch säkularisiert, keine strenggläubige die auch gern mal einen Wein trank und ich, ein christlicher Europäer. Eine Verbindung die zumindest in Kuala Lumpur toleriert wurde, aber nicht gern gesehen. Ca. 60 Prozent der malaiischen Bevölkerung sind Malaien und zum Großteil Moslems, dann noch ca. 27 % Chinesen und 8 Prozent Inder. Die Spannungen zwischen Malaien und Chinesen, die teilweise sehr blutig verliefen, sind nicht so lange her gewesen.

Und nun ich in einem islamischen Staat, der auch an seiner Nordgrenze zu Thailand mit Fundamentalisten und Terroristen zu kämpfen hat. Malaysia gilt als fremdenfreundlich, aber nicht in allen Regionen. Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wie hoch ist meine Sicherheit hier. Das solche Terroranschläge auch Initialzünder für Progrome sein können, hat man ja im Geschichtsunterricht erfahren. Wir beide wollten schnellstmöglich nach Hause, um uns die Nachrichten in englischer Sprache anzusehen.

Es war wahr. Zwei Flugzeuge wurden in die beiden Türme des WTC gesteuert. Die Amateuraufnahmen zeigten die Einschläge immer und immer wieder. Neue Fernsehbilder überschlugen sich. Die Nachrichtensprecher kommentierten die Einstürze. Die Folgen wurden diskutiert.

Für mich war klar, dass es eine Reaktion der USA bedurfte. Das diese Reaktion nicht aus Erdbeertee trinken, zublinzeln und Diskussionsrunden bestehen würde, war offensichtlich. Wie würde diese Situation mich persönlich betreffen. In einem moslemischen Land, der Rückflug mit einer moslemischen Fluggesellschaft mit Zwischenstopp in einem weiteren islamischen Land. Würde es auch solche Zwischenfälle auf der Heimreise geben oder später in Deutschland. Es bedarf ja manchmal in der Geschichte nur eines kleinen Funken, um einen Flächenbrand zu entfachen. Wie würde ich meinen restlichen Urlaub verbringen.

Aus der Gegenwart betrachtet nur lächerliche Ängste. Nichts im Vergleich zu den Schicksalen der Menschen, die diesen 11. September nicht überlebt haben. Nichts im Vergleich mit der Trauer der Hinterbliebenen.

Menschen die in den Tod sprangen, weil sie nicht verbrennen wollten. Menschen, die auf Rettung hofften und diese Rettung sie nicht rechtzeitig erreichte. Die Feuerwehrleute, die Polizisten und Sanitäter, die ihr Leben opferten um das Leben anderer zu retten. Die Passagiere, die den sicheren Tod vor Augen, den Terroristen entgegentraten und die das eine Passagierflugzeug zum Absturz brachten.

Wird man still und denkt über diese einzelnen Situationen nach, kommt als erstes die Trauer, die Hilflosigkeit und dann erst die Wut. Die Wut auf Menschen, die sich durch ihre Handlung außerhalb jedes menschlichen Zusammenlebens gestellt haben. Hier fällt mir immer wieder ein, dass man ja eigentlich über Tote nichts schlechtes sagen sollte. Sie sind ja jetzt tot. Ich kann das nicht akzeptieren. Mörder sind Mörder. Auch nach ihrem Tod. Für die einen sind sie vielleicht Helden. Für mich sind sie Abschaum und Feiglinge.

Es wird langsam Zeit Farbe zu bekennen. Mag die eigene Angst auch noch so groß sein. Irgendwann muss man sich für die eine oder andere Seite entscheiden. Einen Mittelweg wird es nicht geben. Dem Terror muss man entgegentreten. Und sich nicht durch mögliche Konsequenzen einschüchtern lassen. Mit manchen Menschen kann man nicht verhandeln. Menschen, die sich außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stellen, sollten auch dementsprechend behandelt werden.

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